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«Entweder viel Geld oder viel Fantasie»
Wirtschaft regional,  Barbara Jehle, 28 February 2009 (Liechtenstein)

Die kreative Lösung von Sonderaufgaben ist das Metier der Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin. Jüngst zeigen sie, dass eine Nacht im Null-Stern- Hotel luxuriös sein kann.

Frank und Patrik Riklin, wie erklären Sie sich, dass die Idee des Null-Stern-Hotels weltweit wie eine Bombe eingeschlagen hat und auf grosses Medienecho stiess?

Frank Riklin: Darüber kann man spekulieren. Ein Faktor ist wohl, dass wir tatsächlich eine Erfindung gemacht haben. Damit haben wir am Anfang geliebäugelt, wir konnten aber nicht davon ausgehen, dass wir die einzigen sind, die an ein Zero-Star-Hotel gedacht haben. Heute ist es zu einer Tatsache geworden. Am Anfang meinte eine Zeitung, dass es sich um einen PR-Gag handelt. Sie hatten Zweifel und wollten genau abklären, was dahintersteckt.

Das Null-Stern-Hotel wurde am Beginn der Finanzkrise lanciert ...

Frank: (unterbricht) Genau, das ist der zweite Faktor. Das Konzept kam just in dem Moment, wo die Kreativität vermisst wurde. Wir geben auf eine Art eine Antwort auf die Krise. Die Kreativität, die eine Bank vielleicht genau nicht hat, zelebrieren wir auf eine spielerische Art. Dies nicht nur als Gag, sondern als ernsthafte Idee. Wir haben unübliche Interessen. Wir sind z. B. nicht primär wegen des Geldes aktiv. Damit wird etwas ausgelöst, indem wir aufzeigen: Da ist ein anderes Wesen am Werk.

Trotzdem sind Sie sehr geschickt in PR-Arbeit und darin, Geld für Projekte zu akquirieren: Sie haben von der Gemeinde Sevelen 48 000 Franken zugesprochen bekommen.

Frank: Die Gemeinde hatte die Idee, unter dem Namen «Kultur im Stampf» ein Musikzentrum mitten im Dorf auf die Beine zu stellen. In diesem Zusammenhang hat sie nach Lösungen gesucht, wie die Leute, die im Musikzentrum ein Lager durchführen, übernachten könnten. Sie gaben uns den Auftrag, eine Strategie zu entwickeln, wie man den Luftschutzbunker, der ein Steinwurf vom Musikzentrum entfernt ist, in eine annehmliche Unterkunft verwandeln könnte. Wir brachten die Lösung des Null-Stern- Hotels: Für diesen Auftrag haben wir 15 000 Franken zugesprochen bekommen. Darin eingeschlossen sind auch alle Spesen und der Testbetrieb. Wir haben damit praktisch nichts verdient. Wir arbeiten für die Geschichte und nicht für das Geld. Man könnte sagen, dass wir belohnt worden sind.

Womit wurden Sie denn belohnt?

Frank: Wir arbeiten nicht gratis, aber trotzdem nicht in unsere eigene Tasche, sondern wir sorgen dafür, dass unsere Geschichten eine Fortsetzung bekommen. Das ist unsere Strategie: Dies ist nur dadurch möglich, dass wir wenig verdienen und auch wenig verdienen wollen. Wir streben mehr nach Freiheit, als nach Kapital. 48 000 Franken wurden für das Gesamtprojekt «Kultur im Stampf» gesprochen, später ein Kredit von 83 000 Franken. Davon sind wiederum 10 000 in die Weiterentwicklung des Null-Stern- Hotels geflossen. Das ist nicht viel. Dadurch, dass die Idee zu einem so grossen Erfolg wurde, haben wir aber gute Karten für die Fortsetzung der Geschichte, und dies auch ganz unabhängig von «Kultur im Stampf». Wir haben auf einen Pilotbetrieb bestanden, der bald gestartet wird. Unser Credo ist: Entweder hat man viel Geld oder viel Fantasie.
Patrik Riklin: Banken sprechen von einer Betonwand. Jetzt braucht es die Kreativität auch im Bankwesen. Es braucht Künstler: Sie zeigen, wie man Dinge auch aus einer ganz anderen Perspektive sehen kann. Unsere Philosophie ist ja die subversive Verpflanzung von Visionen. Damit kann man in die bestehenden Zustände hineinstechen. So gewinnen wir auch viele Menschen, die sich sagen: «So unrecht haben die beiden ja gar nicht, die machen ja eigentlich ganz was Schlaues». Wir hörten oft: «Das, was ihr macht, ist gut. Aber verdient ihr damit auch Geld?» Das war für uns nie die Frage, auch nicht in der Partnerschaft mit Sevelen: Wenn wir nicht so idealistisch unsere Arbeit machen würden, dann würde das Kunstwerk nie so konsequent und neu. Wir kratzen Schuppen von den Augen. Das gilt auch umgekehrt. Durch die Vermarktung des Null-Stern-Hotels werden auch wir in Welten eingeweiht, die wir zuvor nicht kannten.

Also in die Finanzwelt?

Patrik: Ich als Künstler bin der Ansicht, dass wir genau jetzt in der Finanzkrise ein systemwidriges Konzept brauchen. Das System sollte nicht mit Gewalt aufrechterhalten werden, sondern es muss erneuert werden. Dazu braucht es konträre Beispiele wie das Null-Stern-Hotel. Es kann Menschen bewusst machen, dass man sich nicht nur nach oben, nach mehr orientieren kann, sondern auch nach unten.

Sind Sie überzeugt, dass Ihr Kerngedanke weitergetragen werden kann, wenn Sie das Projekt zur Kommerzialisierung aus der Hand geben?

Frank: Ich bin überzeugt, dass der Erfolg eines Projekts durch eine gute Idee begründet wird. Unsere Partner sind Samira Singhvi und Daniel Charbonnier, die Geschäftsführer von Minds in Motion SA. Sie sehen genau diese Qualität. Deshalb glauben wir auch alle fest daran, dass es funktioniert.
Patrik: Wir haben sehr viele E-Mails von Geschäftsleuten aus ganz Europa erhalten, die mit uns zusammenarbeiten wollten. Wir sind seit zehn Jahren Künstler und wissen, mit wem wir arbeiten können, damit ein Kunstwerk nicht zerstört wird. Das Wichtigste ist, dass wir alle Rechte für die Erfindung haben. Es ist vertraglich so geregelt, dass wir den Kurs angeben können. Unser Geschäftspartner ist der Idealfall: Hätte er uns als Künstler nicht akzeptiert, wäre es gar nicht zu einer Zusammenarbeit gekommen. Er ist der «Bodyguard» der materiellen Welt, wir sind die «Ideaguards». Das Zero-Star-Hotel ist der Versuch einer Weltmarke, die wir nur mit ihm verwirklichen können. Diese Liaison zwischen Kunst und Businesswelt ist die Kraft unseres Konzepts. Es gibt eine gegenseitige Abhängigkeit. Wir sind sehr offenen Typen, aber wir entscheiden nichts mehr, ohne uns mit Dritten wie unserem Anwalt abzusprechen.

Sie testen die Verstrickung von Kunst und Kommerz aus ...

Patrik: Wir wollen das System nicht zerstören, sondern mit dem System zusammenarbeiten, sodass ein Mehrwert entsteht. Wenn wir dagegen ankämpfen, dann gibt es Krieg. Wir wollen aber dem System klarmachen: «Ihr braucht uns, wir sind vielleicht genau die Lösung für die Hotellerie.» Gestern stand in der Zeitung, dass die Hotels in der Schweiz 40 Prozent teurer sind als im Ausland. Die Schweizer Hotellerie steckt in der Krise und sie lechzt nach Lösungen, wie der Standard wieder heruntergebrochen werden kann. Ich hatte anfangs mit der Kommerzialisierung Mühe. Ich fand dann aber heraus, dass nur so Innovation generiert werden kann. Man muss über den Widerspruch stolpern und darüber hinausgehen.
Frank: Null-Stern-Hotels müssen nicht Gewinn machen, sondern leben von den Ressourcen, die verschoben und genutzt werden.

 

Wie sieht das Ihr Geschäftspartner?

Frank: Wir haben erst mit unserem Geschäftspartner übers Geld gesprochen, als wir mit Richard Quest von CNN eine Sendung gedreht haben. Dieser wollte uns durcheinanderbringen und hat gefragt: «Was denkt ihr über Ferrari?» Wir haben geantwortet, dass wir nicht einmal eine Fahrprüfung haben und kein Auto möchten, weil wir die 360-Grad-Wahrnehmung behalten wollen. Als wir dann mit Charbonnier von Sevelen zurück nach St. Gallen gefahren sind, habe ich gefragt: «Was denkst du, werden wir mal Geld machen mit der Idee des Null-Stern-Hotels?». Er lachte laut heraus und meinte: «Was denkt ihr, wieso ich 10 Tage in eure Idee investiert habe?». Gestern waren wir in Luzern und hatten eine Sitzung wie im Film. Wir trafen uns streng geheim in einem Hotelzimmer mit heruntergelassenen Fensterläden. Wir lassen uns so schützen und geben etwas Verantwortung ab. Richard Quest sagte auch: «Ihr müsst euch bald mit dem Gedanken beschäftigen, wie es ist, Millionär zu sein».

Wie fühlt sich der Gedanke an? Schlecht wär gelogen!

Frank: Geld ist für uns nur wichtig, soweit wir es zum Leben brauchen. Der Gedanke, viel zu haben, berührt uns nicht.
Patrik: Er ist für uns absolut kein Thema. Dass Geld lockt, ist immer eine Gefahr: Man legt das Künstlergewand ab und die Krawatte an.

Auf dem Poster dort hinten tragen Sie Krawatten!

Frank: Das ist unser ironisiertes Rollenspiel. Wir hätten am Null-Stern-Hotel auch Freude, wenn es nur auf Gemeindeebene ein Erfolg wäre. Bei vielen Künstlern sind die Frühwerke die besten, mit dem kommerziellen Erfolg beginnen sich viele Künstler zu reproduzieren. Davor haben wir Respekt.

Auch Anerkennung, nicht nur finanzieller Erfolg, kann korrumpieren.

Patrik: Wir haben zehn Jahre lang fast nichts verdient und nie Ferien gemacht. Wenn jetzt etwas zurückkommt, ist das noch nicht dramatisch.

Es ist «kein Schleck», Künstler zu sein.

Frank: Wir sagen immer: Es gibt nichts Schöneres, als am Morgen aufzustehen und die Freiheit zu geniessen. Ich arbeite jede Sekunde an meiner Selbstverwirklichung. Ich arbeite mit meinen Gedanken und tippe nicht auf einer UBS-Filiale am PC Zahlen ein.

Apropos: Trendforscher behaupten, dass in Banken zu lange eine konforme Masse regiert hat. Die Zukunft gehört den Kreativen.

Patrik: Ich würde das natürlich unterschreiben. Den Gedanken hatte ich schon vor zehn Jahren, als wir unser «Atelier für Sonderaufgaben» gegründet haben. Damals waren wir mit dieser Idee noch zu früh. Ich bin überzeugt davon, dass Querdenker, Künstler, aber auch Bäcker und Ärzte bei der UBS für einen neuen Blickwinkel sorgen werden. Es ist der Grundgedanke unseres Ateliers, dass unterschiedlichste Menschen für verschiedenste Aufgaben zusammenarbeiten sollten. Es ist logisch, dass Banker im gleichen Alter, mit gleicher Krawatte und gleichen Ideen keine neuen Lösungen finden.